La San Felice Band 11

Александр Дюма
La San Felice Band 11

Elfter Theil

Erstes Capitel.
Schipani

Wir haben erzählt, daß, während Ettore Caraffa gegen Cesare abgeschickt ward, Schipani commandirt ward, dem Cardinal entgegenzurücken.

Schipani war zu dem hohen Posten eines Corpsführers nicht wegen seiner militärischen Talente, denn obschon jung in den Dienst getreten, hatte er doch noch niemals Gelegenheit gehabt, an einem Kampfe theilzunehmen, sondern wegen seines wohlbekannten Patriotismus und seines unbestreitbaren Muthes ernannt worden. Wir haben bereits gesehen, wie er unter dem Dolche der Sbirren Carolinens zu conspiriren mußte.

Auf dem Schlachtfelde sind jedoch die Tugenden des Bürgers und der Muth des Patrioten nur untergeordnete Eigenschaften, und das Genie des zweideutigen Dumouriez gilt hier mehr als die Rechtschaffenheit des unbeugsamen Roland.

Auch war Schipani von Manthonnet ausdrücklich empfohlen worden, keine Schlacht zu liefern, sondern sich mit der Bewachung der Engpässe der Basilicata zu begnügen, eben so wie Leonidas die Thermopylen bewacht hatte, um ganz einfach den Marsch Ruffos und seiner Sanfedisten aufzuhalten.

Schipani durchzog, erfüllt von Enthusiasmus und Hoffnung, Salerno und mehrere andere befreundete Städte, über welchen das Banner der Republik flatterte.

Der Anblick dieses Banners machte sein Herz vor Freude schlagen; eines Tages aber langte er am Fuße des Dorfes Castelluccio an, auf dessen Thurme die königliche Fahne wehte.

Die weiße Farbe derselben äußerte aus Schipani dieselbe Wirkung, welche die rothe auf einen Stier hervorzubringen pflegt.

Anstatt vorüberzuziehen und die Augen abzuwenden, anstatt seinen Marsch nach Calabrien weiter fortzusetzen, anstatt den Sanfedisten die Gebirgspässe abzuschneiden, welche von Cosenza nach Castravillari führen, wie ihm dies ausdrücklich empfohlen worden, ließ er sich zum Zorne hinreißen und wollte das Dorf Castelluccio für seine Keckheit züchtigen.

Zum Unglücke war dieser Ort ein elendes Dorf oder Städtchen, welches blos einige tausend Einwohner zählte, von zwei Gewalten vertheidigt, einer sichtbaren und einer unsichtbaren.

Die sichtbare Macht war die Lage des Ortes, die unsichtbare war den Capitän oder vielmehr der Gerichtsbeamte Sciarpa. Dieser gehörte zur Zahl der Männer, deren Ruf auf derselben Höhe steht wie der eines Pronio, eines Mammone, eines Fra Diavolo, war aber zu jener Zeit noch völlig unbekannt.

Er war, wie wir angedeutet, als Subalternbeamter bei dem Gericht in Salerno angestellt gewesen. Als die Revolution ausbrach und die Republik proklamiert wurde, bekannte er sich eifrig zu den Principien derselben und verlangte in die Gendarmerie einzutreten.

Vielleicht glaubte er, er brauche um diesen seinen Wunsch erfüllt zu sehen, blos die Hand auszustrecken oder nur einen Schritt zu thun.

Gleichwohl erhielt er auf seine Anfrage die unkluge Antwort:

»Die Republicaner wollen keine Spione und Häscher in Ihren Reihen.«

Die Republikaner glaubten nämlich vielleicht ihrerseits, daß es sich beim Uebergang vom Gerichtsbeamten zum Spion nur um einen Schritt handle.

Da Sciarpa aus diese Weise nicht Manthonnet seinen Säbel anbieten kannte, so bot er dem König Ferdinand seinen Dolch.

Der König war weniger mißtrauisch als die Republikaner. Er nahm mit begieriger Hand, Alles war für ihn gut, und je weniger seine Vertheidiger zu verlieren hatten, desto mehr hatte er, wie er glaubte, zu verlieren.

Das Schicksal wollte, daß Sciarpa das kleine sanfedistische Detachement commandirte, welches Castelluccio besetzt hielt.

Schipani konnte Castelluccio ohne Furcht im Rücken lassen. Es war keine Gefahr vorhanden, da die Contrerevolution, welche sich darin barg, sich nach außen verbreitete, denn sämtliche umliegende Dörfer waren patriotisch gesinnt.

Man hätte Costelluccio durch den Hunger zur Unterwerfung zwingen können. Es war leicht dieses Dorf zu blockieren, welches blos auf drei oder vier Tage mit Lebensmitteln versehen war und mit allen umliegenden Dörfern auf feindseligen Fuße stand.

Ueberdies konnte man während der Blockade auf einer Anhöhe, welche das Dorf beherrschte, Geschütze aufpflanzen und es von hier aus durch einige Kanonenschüsse zur Unterwerfung zwingen.

Diese Rathschläge wurden von den Bewohnern von Roten und Albavena unglücklicherweise einem Manne gegeben, welcher unfähig war sie zu begreifen und zu würdigen. Schipani war eine Art calabresischer Henriot; voll von Vertrauen zu sich selbst, glaubte er, er werde, wenn er einen nicht von ihm selbst ausgehenden Plan befolgte, gleichsam von dem Piedestal herabsteigen, auf welches die Republik ihn gestellt.

Außerdem hätte er auch das Anerbieten der Bewohner von Castelluccio annehmen können, welche sich bereit erklärten, sich der Republik anzuschließen und die dreifarbige Fahne aufzupflanzen, dafern Schipani ihnen nicht die Schmach anthäte, als Sieger in ihr Dorf einzuziehen.

Ferner hätte er auch mit Sciarpa unterhandeln können, denn dieser war ein Mann, der ein Wort mit sich reden ließ und erbot sich, seine Truppen mit denen der Republik zu vereinigen, dafern man ihn für seinen Abfall eben so viel bezahlte, als er verlöre, wenn er die Sache der Bourbons aufgäbe.

Schipani antwortete aber:

»Ich komme, um Krieg zu führen und nicht um zu unterhandeln. Ich bin kein Kaufmann, sondern Soldat.«

Nachdem wir den Charakter Schipani’s auf diese Weise geschildert, kann der Leser sich leicht denken, daß sein Plan, sich Castelluccios zu bemächtigen, sehr bald entworfen war. Er gab Befehl, die nach dem Orte führenden steilen Fußwege zu ersteigen.

Die Bewohner von Castelluccio waren in der Kirche versammelt und erwarteten die Antwort auf die von ihnen gemachten Vorschläge.

Man setzte sie von Schipani’s Weigerung in Kenntniß.

Die Oertlichkeiten spielen bei den Entschlüssen, welche die Menschen fassen, oft eine große Rolle.

Als einfache Landleute und in der That glaubend, die Sache Ferdinands sei die Sache Gottes, hatten sich, wie eben bemerkt worden, die Bewohner von Castelluccio in der Kirche versammelt, um hier die himmlische Eingebung zu empfangen. Schipani’s Weigerung verletzte sie in ihrem Glauben.

Mitten unter dem Tumult, der auf den Bericht des Boten folgte, erstieg Sciarpa die Kanzel und verlangte das Wort.

Man wußte nichts von seinen Unterhandlungen mit den Republikanern; in den Augen der Bewohner von Castelluccio war Sciarpa rein und makellos.

Es trat daher sofort Todtenstille ein und das verlangte Wort war augenblicklich gegeben.

Er erhob demgemäß die in diesen geheiligten Wölbungen lauthallende Stimme und sagte:

»Brüder, Ihr habt jetzt nur noch zwei Entschlüsse zu fassen: entweder zu fliehen wie Feiglinge, oder Euch zu vertheidigen wie Helden. Im ersten Falle würde ich mit meinen Leuten das Dorf verlassen, mich in das Gebirge werfen und die Vertheidigung eurer Weiber und Kinder Euch selbst überlassen. Im zweiten Falle dagegen werde ich mich an eure Spitze stellen und unter dem Beistand Gottes, der Euch sieht, Euch zum Siege führen. Wählet!«

Ein einziger Ruf war die Antwort auf diese so einfache und folglich für die Zuhörer an die sie gerichtet war, sich trefflich eignende Anrede; es war der Ruf:

»Krieg! Krieg!«

Der Pfarrer segnete in seinem Amtsgewand am Altare stehend, die Waffen und die Kämpfenden Sciarpa ward einmüthig zum ersten Anführer ernannt und man überließ ihm die Entwerfung des Schlachtplanes.

Die Bewohner von Castelluccio stellten ihr Dorf unter seine Obhut und ihr Leben zu seiner Verfügung.

Es war die höchste Zeit. Die Republikaner waren nur etwa noch hundert Schritte von den ersten Häusern entfernt. Keuchend und von dem raschen Klettern ermüdet gelangten sie an den Eingang des Dorfes. Hier aber und ehe sie noch Zeit gehabt, steh zu erholen, wurden sie von einem unsichtbaren Feinde zu allen Fenstern heraus durch einen fürchterlichen Kugelregen begrüßt.

Wenn aber der Eifer der Vertheidigung lebhaft war, so war auch die Erbitterung des Angriffs eine furchtbare. Die Republikaner wichen nicht vor dem Feuer zurück, sondern drangen vorwärts, geführt von Schipani, der mit dem Säbel in der Faust an der Spitze der Colonne marschierte.

Dann kam ein Augenblick nicht des Kampfes, sondern der Todesverachtung.

Dennoch aber sah Schipani, nachdem er ein Drittel seiner Leute verloren, sich genöthigt, Befehl zum Rückzuge zu geben.

Kaum jedoch hatten er und seine Leute zwei Schritte zurückgethan, als jedes Haus Feinde auszuspeien schien, Feinde, die schon, als man sie nicht gesehen, furchtbar gewesen, die aber jetzt, wo man sie sah, noch furchtbarer waren.

Schipani’s Trupp stieg nicht den Weg wieder hinab, sondern rollte hinab bis in den Thalgrund gleich einer von der Hand des Todes gewälzten Menschenlawine und ließ an dem steilen Abhang des Berges eine solche Menge Todte und Verwundete zurück, daß das Blut an zehn verschiedenen Stellen wie aus einer Quelle herabrieselte.

Glücklich diejenigen, welche sofort todt waren und ohne weiter einen Hauch auszustoßen, auf dem Schlachtfeld niedersanken! Sie erlitten nicht den langsamen und furchtbaren Tod, welchen die Wildheit der Frauen, die unter solchen Umständen stets grausamer sind als die Männer, den Verwundeten und Gefangenen zufügte.

Ein Messer in der Hand, mit wild im Winde flatterndem Haar und unter lauten Schmähungen und Verwünschungen irrten diese Furien, gleich den Hexen Lucan’s, auf dem Kampfplatz umher und vollführten unter lautem Gelächter die obszönsten Verstümmlungen.

Bei diesem unerhörten Anblick verlor Schipani mehr vor Wuth als vor Schrecken fast den Verstand, setzte mit seiner um mehr als ein Drittel gelichteten Colonne seinen Rückzug weiter fort und machte erst in Salerno Halt.

 

Auf diese Weise ließ er dem Cardinal Ruffo den Weg frei.

Der Cardinal rückte langsam vor, aber sicher und ohne einen einzigen Schritt zurückzuthun.

Am 6. April wäre er aber dennoch beinahe das Opfer eines Unfalls geworden. Ohne daß diesem Unfall irgend ein Anzeichen vorausgegangen wäre, hatte nämlich sein Pferd sich gebäumt, mehrmals die Vorderfüße in der Luft bewegt und war dann todt niedergestürzt. Als vortrefflicher Reiter hatte der Cardinal den rechten Augenblick wahrzunehmen gewußt und durch geschicktes Herunterspringen vermieden, unter den Leib des stürzenden Thieres zu gerathen.

Ohne, wie es schien, weiteres Gewicht auf diesen Unfall zu legen, ließ der Cardinal sich ein anderes Pferd bringen, schwang sich in den Sattel und setzte seinen Weg weiter fort.

Denselben Tag langte man in Cariati an, wo der Cardinal von dem Bischof empfangen ward.

Eben saß er mit seinem ganzen Generalstabe bei Tische, als man aus der Straße das Getöse einer zahlreichen bewaffneten Schaar vernahm, die in wilder Unordnung, mit dem lauten Geschrei. »Es lebe der König! Es lebe die Religion!« einhergezogen kam.

Der Cardinal trat auf den Balcon hinaus, prallte aber vor Erstaunen wieder zurück.

Obschon an außerordentliche Dinge gewohnt, war er doch auf das, was er hier sah, nicht gefaßt.

Ein Trupp von ziemlich tausend Mann mit Oberst, Hauptleuten, Lieutenants und Unterlieutenants, gelb und roth gekleidet und alle aus einem Beine hinkend, kam, um sich der Armee des heiligen Glaubens anzuschließen.

Der Cardinal erkannte nun, daß es Sträflinge waren. Die gelb gekleideten, welche die Voltigeurs vorstellten, waren die auf Zeit Verurtheilten. Die rothen, welche die Grenadiere repräsentierten und folglich das Vorrecht genossen, an der Spitze zu marschieren, waren die auf Lebenszeit Verurtheilten.

Da der Cardinal nicht wußte, was dieser furchtbare Recrutenzuzug bedeuten sollte, so ließ er ihren Anführer rufen.

Dieser erschien. Es war ein Mann von vierzig bis fünfundvierzig Jahren, Namens Panedigrano, und wegen acht oder zehn Mordthaten und eben so viel Diebstählen zu lebenswäriger Zwangsarbeit verurtheilt.

Diese Aufschlüsse wurden von dem Sträfling selbst mit wunderbarer Dreistigkeit gegeben.

Der Cardinal fragte ihn hierauf, welchem glücklichen Umstande er die Ehre seiner Gesellschaft und der seiner Leute zu verdanken habe.

Panedigrano erzählte nun dem Cardinal, daß Lord Stuart, nachdem er von der Stadt Messina Besitz genommen, es für unpassend erachtet habe, daß die Soldaten Großbritanniens mit Sträflingen unter einem und demselben Dache wohnten.

Demzufolge hatte er letztere hinausgewiesen, auf ein Schiff zusammengepackt, ihnen freigestellt, ihre Anführer zu wählen, und sie in Pizzo gelandet, wo er ihnen durch den Capitän des Schiffes befehlen lassen, ihren Weg weiter fortzusetzen, bis sie zu dem Cardinal gestoßen wären.

Sobald dies geschehen, sollten sie sich zu seiner Verfügung stellen. Dies that setzt Panedigrano mit aller Grazie, deren er fähig war.

Der Cardinal war von dem eigenthümlichen Geschenke, welches seine Verbündeten, die Engländer, ihm machten, noch ganz verblüfft, als er einen Courier anlangen sah, der einen Brief von dem König überbrachte.

Dieser Courier war in dem Golf von Santa Euphemia an’s Land gestiegen und brachte dem Cardinal die Nachricht, welche Panedigrano soeben mündlich ausgerichtet. Nur wälzte der König, der seine Bundesgenossen die Engländer, nicht anklagen wollte, die Schuld auf den Commandanten Danero, welcher schon in Bezug auf viele andere Mißgriffe genöthigt worden, die Rolle des Sündenbockes zu übernehmen.

Obschon König Ferdinand nicht leicht schamroth ward, so schämte er sich diesmal doch des seltsamen Geschenkes, welches, sei es nun Lord Stuart oder sei es Danero, seinem Generalvicar , das heißt seinem Alterego, machte und schrieb ihm folgenden Brief, dessen Original uns vorliegt:

»Eminentissime!

»Wie glücklich haben Sie mich durch Ihren Brief vom 20. gemacht, welcher mich von der Fortdauer unserer Erfolge und von den Fortschritten, die unsere heilige Sache macht, in Kenntniß setzt! Gleichwohl wird diese Freude durch die Dummheiten getrübt, welche Danero begeht oder zu denen er vielmehr durch seine Umgebung veranlaßt wird. Unter vielen anderen will ich nur folgende erwähnen. Der General Stuart hatte verlangt daß die Sträflinge aus der Citadelle verlegt würden, damit er seine Truppen darin einquartieren könnte. Anstatt nun dem von mir ertheilten Befehle gemäß die betreffenden Sträflinge einstweilen auf dem Strand von Gaëta unterzubringen, hat Danero den klugen Einfall gehabt, sie nach Calabrien zu werfen, wahrscheinlich blos um Sie, Eminentissime, in Ihren Operationen zu stören und durch das Unheil, welches diese Menschen anrichten werden, das Gute zu verderben, welches Sie zu Stande bringen.

»Welchen Begriff werden sich meine treuen Calabresen von mir machen, wenn sie sehen, daß zur Vergeltung für die Opfer, welche sie sich für die königliche Sache auflegen, ihr König ihnen diese Schnur Bösewichter sendet, die ihr Eigenthum beschädigen und ihre Familien beunruhigen werden. Ich schwört Ihnen, Eminentissime, daß ich beinahe Lust gehabt hätte, diesen erbärmlichen Danero seines Postens zu entsetzen, und ich erwarte nur die Wiederankunft des Lord Stuart in Palermo, um mit ihm Rücksprache zu nehmen und dann einen kräftigen Streich zu führen.

»Aus Briefen, die mit einem englischen Schiffe von London eingegangen sind, haben wir ersehen, daß der Kaiser endlich mit den Franzosen gebrochen hat. Wir müssen uns dazu Glück wünschen, obschon die ersten Operationen nicht zu den erfolgreichsten gehört haben.

»Glücklicherweise ist alle Aussicht vorhanden, daß der König von Preußen sich zu Gunsten der guten Sache der Coalition anschließen werde.

»Der Herr segne Sie und Ihre Unternehmungen; darum bittet, wenn auch unwürdig, Ihr wohlgeneigter

»Ferdinand B.«

In der Nachschrift kommt der König wieder auf die schlechte Meinung zurück, die er in Bezug auf die Sträflinge ausgesprochen, und macht einige Bemerkungen zu Gunsten ihres Anführers. Er thut dies in folgenden Worten:

»Nachschrift. – Dennoch aber dürfen Sie die Dienste, welche Ihnen ein gewisser Panedigrano, ein Anführer des Trupps, welcher sich bei Ihnen einfinden wird, leisten kann, nicht allzusehr verkennen. Danero behauptet, es sei ein ehemaliger Soldat und er habe in dem Lager von San Germano mit Eifer und Umsicht gedient. Sein eigentlicher Name ist Nicola Gualtieri.«

Die Befürchtung des Königs in Bezug auf die ehrenwerthen Hilfstruppen, welche der Cardinal erhalten, waren nur zu wohl begründet. Da die meisten von ihnen Calabresen waren, so ließen sie sich vor allen Dingen angelegen sein, gewisse Schulden der persönlichen Rache abzumachen.

Bei dem zweiten Meuchelmord aber, welcher zur Kenntniß des Cardinals kam, ließ dieser die Armee Halt machen, die tausend Sträflinge durch ein Corps Cavallerie und Campieri umzingeln die beiden Mörder aus den Reihen hervorziehen und Angesichts Aller erschießen.

Dieses Beispiel äußerte die beste Wirkung und am nächstfolgenden Tage erklärte Panedigrano dem Cardinal, daß, wenn man seinen Leuten einen billigen Sold bewillige, er dann für jeden mit seinem eigenen Kopfe hafte.

Der Cardinal fand dieses Verlangen nicht mehr als gerecht. Er ordnete an, daß sie täglich fünfundzwanzig Grani, das heißt einen Franc und zwar auch auf die bereits verflossenen Tage bis zu dem zurück, wo sie sich organisiert und ihre Anführer gewählt, erhielten.

Zugleich ward ihnen versprochen, daß dieser Sold auf die ganze Dauer des Feldzuges fortgezahlt werden solle.

Da jedoch die gelben und rothen Sträflingskittel und Mützen diesem privilegierten Corps ein etwas allzu charakteristisches Gepräge ausdrückte, so erhob man von den 13 Patrioten von Cariati eine Contribution, um ihnen eine weniger grelle Uniform zu geben.

Als aber die Leute, welche von der Herkunft dieses Corps nicht unterrichtet waren, es zur Avantgarde, das heißt auf den gefährlichsten Posten abmarschieren sahen, wunderten sie sich, daß alle hinkten, entweder mit dem rechten oder mit dem linken Bein.

Jeder hinkte nämlich mit dem Beine, mit welchem er die Kette gezogen.

Mit dieser seltsamen Avantgarde setzte der Cardinal seinen Marsch gegen Neapel fort, dessen Zugänge für ihn durch die Niederlage Schipanis bei Castelluccio frei geworden waren.

Nach unserer Meinung wäre es übrigens für die Völker sowohl als für die Könige eine große Lehre, diesen Marsch des Cardinals Ruffo mit dem zu vergleichen, welcher sechzig Jahre später durch Garibaldi ausgeführt ward, und dem das göttliche Recht repräsentierenden Prälaten den das volksthümliche Recht vertretenden Mann der Humanität gegenüberzustellen.

Der Eine der mit dem römischen Purpur bekleidet ist, zieht im Rennen Gottes und des Königs unter Plünderung Mord und Brandstiftung einher und läßt überall Thränen, Verödung und Tod zurück. Der Andere wandelt, mit der einfachen Blouse des Volks und der Jacke des Seemanns bekleidet, auf Blumen unter Freude und Segenssprüchen und läßt, wo er vorübergekommen, freie, strahlende Völker zurück.

Die Bundesgenossen des ersten sind ein Panedigrano, ein Sciarpa, ein Fra Diavolo, ein Mammone, ein Pronio, das heißt verurtheilte Missethäter und Straßenräuber. Die Lieutenants des letzteren sind ein Tuckary, ein Flotte, ein Bixio, ein Sirtori, ein Cosenza – das heißt Helden.

Zweites Capitel.
Das Geschenk der Königin

Ein seltsames und für den Philosophen und Historiker schwer zu lösendes Problem ist die Sorgfalt, womit die Vorsehung gewisse Unternehmungen, welche augenscheinlich dem Willen Gottes widerstreiten, ihrem Gelingen entgegenführt.

In der That hat Gott, indem er den- Menschen mit Verstand und freiem Willen begabt, ihn unstreitig mit der großen und heiligen Mission beauftragt, sich unaufhörlich immer mehr zu bessern und aufzuklären und zwar damit er zu dem einzigen Resultat gelange, welches den Nationen das Bewußtsein ihrer Größe verleiht, das heißt zur Freiheit und zur Einsicht. Diese Freiheit und diese Aufklärung aber müssen die Völker durch wiederholte Rückkehr zur Sclaverei und durch Perioden der Nacht und Dunkelheit erkaufen, welche selbst die tapfersten Herzen entmuthigen.

Brutus stirbt mit den Worten: »Tugend, du bist nur ein leeres Wort!« Gregor der Siebente läßt auf sein Grabmal schreiben: »Ich habe die Gerechtigkeit geliebt und die Ungerechtigkeit gehaßt, deshalb sterbe ich in der Verbannung.« Kosciusko murmelt, indem er fällt: »Finis Poloniae!«

Wenn man daher nicht annehmen will, die Vorsehung habe, indem sie die Bourbons wieder auf den Thron von Neapel gesetzt, so viel Beweise von der Falschheit, der Tyrannei und der Unfähigkeit dieser Dynastie geben wollen, daß eine dritte Restauration dadurch unmöglich gemacht wird, so möchte man sich fragen, zu welchem Zwecke sie den Cardinal Ruffo im Jahre 1799 und Garibaldi im Jahre 1860 mit demselben Schilde deckt und wie dieselben Wunder geschehen, um zwei Existenzen zu schützen, von welchen die eine logisch genommen, die andere ausschließen müßte, da sie ja bestimmt sind, zwei sich schnurstracks entgegengesetzte sociale Operationen durchzuführen und von welchen die eine, wenn sie gut ist, die andere natürlich zu einer schlechten macht.

Doch mag dem sein, wie ihm wolle, so war bei den Ereignissen, welche wir hier erzählen, nichts offenkundiger als die Einmischung jener höheren Macht, welche man die Vorsehung nennt. Drei Monate lang war Ruffo der Auserwählte des Herrn, drei Monate lang führte Gott ihn an der Hand!

Undurchdringliches Geheimniß!

Wir haben gesehen, wie der Cardinal am 6. April der Gefahr entging, durch sein von einem Blutschlag getroffenes Pferd todtgedrückt zu werden.

Zehn Tage später, das heißt am 16. April, entging er einer zweiten Gefahr auf nicht weniger wunderbare Weise.

Seit dem Tode des ersten Pferdes, mit welchem er den Feldzug begonnen, ritt der Cardinal ein weißes arabisches Pferd ohne Tadel. Am 16. des Morgens, wo er den Fuß in den Bügel setzen wollte, bemerkte man, daß das Pferd ein wenig hinkte. Der Reitknecht untersuchte das betreffende Bein und zog einen kleinen Kiesel aus dem Hufe.

Um seinen Araber an diesem Tage nicht zu ermüden, beschloß der Cardinal ihn führen zu lassen, und ließ sich ein braunes Pferd bringen.

Man setzte sich in Marsch.

Gegen elf Uhr Morgens, als man den Wald von Ritorto Grande, nicht weit von Tarsia, passiere, diente ein Priester, der auf einem weißen Pferde saß und mit der Avantgarde ritt, einer Füsillade zum Zielpunkte, welche das Pferd auf der Stelle todt niederstreckte, ohne den Reiter zu berühren.

 

Kaum hatte sich das Gerücht verbreitet, daß man auf den Cardinal geschossen, und in der That hatte man den Priester für ihn angesehen, so gerieth die sanfedistische Armee in solche Wuth, daß etwa zwanzig Reiter in den Wald hineinsprengten und die Mörder zu verfolgen begannen. Zwölf davon wurden gefangengenommen und vier von diesen schwer verwundet.

Zwei wurden erschossen und die anderen zu lebenslänglicher Gefangenschaft in der Festung Martina verurtheilt.

Die sanfedistische Armee machte zwei Tage Halt, nachdem sie die Ebene passiert, in welcher das alte Sybaris stand, wo es aber heutzutage nur verpestete und verpestende Sümpfe gibt.

Die Rast ward auf den Besitzungen des Herzogs von Cassano gehalten.

Hier angelangt, hielt der Cardinal Musterung über seine Streitmacht. Dieselbe bestand aus zehn vollständigen Bataillonen, jedes zu fünfhundert Mann, welche früher der Armee Ferdinands angehört hatten. Sie waren mit Musketen und Säbeln bewaffnet, doch fehlten an ungefähr einem Drittel der Gewehre die Bajonnete. Die Cavallerie bestand aus zwölfhundert Pferden; fünfhundert Mann, welche derselben Waffengattung angehörtem folgten zu Fuße, weil man sie nicht hatte beritten machen können.

Überdies hatte der Cardinal zwei Feldescadrons organisiert, welche aus Bargelli, das heißt aus Leuten der Probstei, und Campieri zusammengesetzt waren. Dieses Corps war am besten equipirt, am besten bewaffnet und am besten gekleidet.

Die Artillerie bestand aus elf Geschützen von jedem Caliber und zwei Haubitzen. Die irregulären Truppen, das heißt diejenigen, welches man die Massen nannte, beliefen sich auf zehntausend Mann und bildeten hundert Compagnien, jede zu hundert Mann.

Sie waren nach calabrischer Weise, das heißt mit Musketen, Bajonneten, Pistolen und Dolchen, bewaffnet und jeder Mann trug eine jener ungeheuern Patronentaschen, welche fast eine Elle hoch waren, den ganzen Bauch bedeckten und eine Art Küraß bildeten.

Zuletzt kam noch ein Corps welches mit dem Namen regulärer Truppen beehrt ward, weil es wirklich aus den Resten der früheren Armee bestand. Dieses Corps hatte sich jedoch aus Mangel an Geld nicht equipiren können und diente blos die Zahl zu vermehren.

Alles in Allem gerechnet, stand der Cardinal jetzt an der Spitze von fünfundzwanzigtausend Mann, wovon zwanzigtausend vollkommen organisiert waren.

Da man von diesen Leuten keinen sehr geregelten Marsch verlangen konnte, so schien die Armee noch dreimal zahlreicher, als sie in der That war, und in Folge des ungeheuern Raumes, den sie einnahm, eine Avantgarde des Xerxes zu sein.

Zu beiden Seiten dieser Armee und gewissermaßen Schranken bildend, innerhalb deren sie eingeschlossen war, rollten zweihundert Wagen, beladen mit Fässern, die mit den besten Weinen Calabriens gefüllt waren, welche die Grundstücksbesitzer und die Pächter sich beeilten dem Cardinal zum Geschenke zu bringen.

Um diese Wagen herum befanden sich die Officianten, welche beauftragt waren, den Wein abzuziehen und zu vertheilen.

Alle zwei Stunden gab ein Trommelwirbel das Signal zum Haltmachen. Die Soldaten ruhten dann eine Viertelstunde aus, und tranken jeder ein Glas Wein.

Um neun Uhr Vormittags und um fünf Uhr fanden die Mahlzeiten statt.

In der Regel lagerte man sich in der Nähe einiger schöner Quellen, die in Calabrien so häufig sind und von welchen eine, die von Blandusinum durch Horaz unsterblich gemacht worden.

Die sanfedistische Armee, welche wie man sieht, mit allen Bequemlichkeiten des Lebens versehen marschierte, besaß überdies auch noch Einiges, was zur Erholung und Zerstreuung diente.

So hatte sie zum Beispiel eine Musik, die, wenn auch nicht gut und sehr kunstgerecht, doch wenigstens lärmend und durch zahlreiche Instrumente vertreten war. Sie bestand aus Schalmeien, Flöten, Violinen, Harfen und aus allen jenen herumziehenden und wilden Musikanten, welche unter dem Namen Compagnari während der neuntägigen Feier der unbefleckten Empfängniß und des Weihnachtsfestes nach Neapel zu kommen pflegen.

Diese Musikanten, welche für sich allein eine Armee hätten bilden können, zählten zu Hunderten, so daß der Marsch des Cardinals nicht blos einem Triumph, sondern auch einem Festzuge glich. Man tanzte, man sengte und brannte, man plünderte. Er war eine wahrhaft glückliche, beneidenswerte Armee.

Auf diese Weise gelangte sie ohne weiteres Hinderniß als den Widerstand, den sie in Cotrone gefunden, am 8. Mai bis nach Matera, der Hauptstadt der Basilicata. Kaum hatte man auf dem Marktplatze die Gewehre in Pyramiden zusammengestellt, als man eine Trompete schmettern hörte und durch eine der in den Markt einmündenden Straßen ein kleines Corps von etwa hundert Reitern heranrücken sah, deren Anführer Oberstenuniform trug.

Dahinter her kamen eine dreiunddreißigpfündige Feldschlange, ein Feldgeschütz, ein Bombenmörser und zwei mit Stückpatronen gefüllte Munitionswägen.

Diese Artillerie hatte das Eigenthümliche, daß sie von drei Capuzinern bedient ward und daß der, welcher sie commandirte, auf einem Esel voranritt, welcher auf seine Last eben so stolz zu sein schien, als der berühmte mit Reliquien beladene in der Fabel von Lafontaine.

Der Anführer in Oberstenuniform war Cesare, welcher den Befehlen des Cardinals zufolge seine Vereinigung mit diesem bewirkte. Die hundert Reiter waren Alles, war ihnen von seiner Armee nach der Niederlage bei Casa Massima geblieben war. Die zwölf Artilleristen in Capuzinerkutten waren Mönche und ihr Anführer auf dem Esel, der so stolz war, ihn zu tragen, war Fra Pacifico auf seinem Esel Giacobino, den er nicht blos gesund und unversehrt, sondern auch dick und fett in Pizzo wiedergefunden und im Vorübergehen wieder mitgenommen.

Was die zwölf Artilleristen in Kutten betrifft, so waren dies die Mönche, welche wir bei der Belagerung von Martan und Acquaviva mit ihren Geschützen so muthig und geschickt haben manövrieren sehen.

Was den falschen Herzog von Sachsen und den wahren Boccheciampe betrifft, so hatte dieser das Unglück gehabt, von den Franzosen bei einer Landung gefangengenommen zu werden, welche diese in Barletta gemacht, und wir werden später sehen, wie er, nachdem er bei dieser Landung verwundet worden, an seiner Wunde starb.

Der Cardinal ging dem näherkommenden Trupp einige Schritte entgegen, und als er bemerkte, daß es der Cesare’s sein mußte, so wartete er. Cesare setzte seinerseits, sobald er erkannt, daß es der Cardinal war, sein Pferd in Galopp, sprang, als er etwa noch zwei Schritte von ihm entfernt war, aus dem Sattel und begrüßte den Cardinal, indem er ihm die Hand zu küssen verlangte.

Der Cardinal, der keinen Grund hatte, dem jungen Abenteurer noch ferner seinen falschen Namen zu wahren, begrüßte ihn mit seinem eigentlichen und verlieh ihm, wie er versprochen, den Grad eines Brigadiers, dem eines französischen Brigadegenerals entsprechend, indem er ihm zugleich auftrug, die fünfte und sechste Division zu organisieren.

Cesare kam, wie der Cardinal ihm empfohlen, um an der Belagerung von Altamura theilzunehmen.

Matera gerade gegenüber in nördlicher Richtung erhob sich die Stadt Altamura. Ihren Namen hat sie, wie man sofort begreift, von ihren hohen Mauern. Die Bevölkerung, welche sich in gewöhnlichen Zeiten auf vierundzwanzigtausend Seelen belief, hatte sich jetzt um eine Menge Patrioten vermehrt, welche aus der Basilicata und aus Apulien entflohen waren und sich nach Altamura geflüchtet hatten, welches als das festeste Bollwerk der neapolitanischen Republik betrachtet ward.

In der That hatte die Regierung, welche derselben Ansicht war, zwei von dem General Mastrangelo del Montalbano commandirte Schwadronen Cavallerie hierhergeschickt. Diesem General hatte sie als Civilcommissär einen Priester Namens Nicolo Palomba d’Avigliano beigegeben, welcher mit seinem Bruder einer der Ersten war, die sich für die französische Partei erklärt hatten.

Die Schwierigkeit in unserer Erzählung, die malerischen Details aneinanderzureihen , welche die Geschichte darbietet, hat uns abgehalten, Nicolo Palomba zu zeigen, wie er mit aufgeschürztem Priesterrock in Pigna Secca auf die Lazzaroni schießt und mit dem Carabiner in der Faust an der Spitze unserer Soldaten in die Toledostraße rückt.

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